Beschreibung
Das Projekt Syrian Folk Songs ist ein langfristiges Vorhaben, das ländliche und städtische Volksmusik des historischen „Großsyrien“ für Streichquartett neu imaginiert. Es will die Schönheit und Vielfalt dieser Musik unterschiedlicher Epochen hervorheben. Dies bedeutet zugleich anzuerkennen, dass nationale Grenzen problematisch sind: künstliche, von politischen Akteuren geschaffene und mit Macht durchgesetzte Konstrukte. Kultur jedoch durchdringt solche Grenzen. Wer sich auf diese von Menschen unterschiedlicher Religionen und kultureller Hintergründe geschaffene Musik einlässt, entdeckt eine menschliche Vielschichtigkeit, die hinter vereinfachenden, monolithischen Darstellungen oft verborgen bleibt. Das heutige Syrien unterscheidet sich deutlich vom „Großsyrien“ vor hundert Jahren, das bis etwa 1920 auch die Gebiete des heutigen Libanon, Israels, Jordaniens, des Gazastreifens sowie den Süden der heutigen Türkei (Alexandretta/Iskenderun) beinhaltete. Selbst zu meinen Lebzeiten haben sich die Grenzen des modernen Syrien verändert und scheinen sich infolge des Bürgerkriegs und seiner Nachwehen weiter zu verschieben. Die Motivation dieses Projekts ist nicht nationalistisch, sondern humanistisch.
Den Titel wählte ich nur, weil ich diese Lieder zunächst durch syrische Künstlerinnen und Künstler kennenlernte, etwa durch den großen Tenor Sabah Fakhri oder die Sängerin Jamila Nassour, deren Künstlername Karawan lautete und die mit meiner Familie in Damaskus befreundet war. Je mehr ich mich mit diesen Liedern beschäftigte, desto deutlicher wurde, dass sie nicht dem modernen syrischen Nationalstaat entstammen, sondern aus Regionen des heutigen Irak, Palästina, Libanon, Jordanien, Israel und anderen Gebieten. Spätere Künstlergenerationen griffen diese Melodien neu auf, etwa die libanesische Sängerin Samira Tawfiq, oder bewahrten sie in zeitgemäßer Form, wie die palästinensische Folkloregruppe El-Funoun. Ihre fantasievollen Interpretationen haben meine Vorstellungskraft geprägt; ihnen allen bin ich zu großem Dank verpflichtet.
Warum ein Streichquartett? Weil ich vielen Musikerinnen und Musikern aus dieser Region begegnet bin, die klassische westliche Musik spielen, und möchte, dass sie sich zumindest in einem Teil des Repertoires kulturell beheimatet fühlen. Zugleich richten sich diese Stücke an Menschen außerhalb der Region, die diese Musik, ihre Kultur oder die darin zum Ausdruck kommenden Gefühle kennenlernen möchten. Und natürlich an das Publikum. Menschliche Verbundenheit und gegenseitiges Verständnis durch Künste zu fördern, braucht Geduld, und dies ist mein Beitrag, die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Das erste Lied gibt einem unerwidert Liebenden eine Stimme: „O du honigfarbene Schöne, ich bin müde, o liebes Herz. Deine Liebe hat mich zu Fall gebracht. Du mit den großen Augen hast Schmerz in mein Herz gelegt.“ Der Text des zweiten Liedes stammt aus Aleppo. Er erzählt von einem jungen Mann, der beobachtet, wie eine junge Frau das Haus ihres Vaters verlässt, um zu den Nachbarn zu gehen. Er hält sie auf und spricht zu ihr: „O Schöne, stille meinen Durst und lass mich deine Wangen sehen.“ Sie antwortet: „Geh fort, du armseliger Kerl. Meine Wangen gleichen den Äpfeln von Damaskus.“ Das dritte Lied ist ein traditionelles palästinensisches Dorflied: „Der Bräutigam schreitet beinahe unbekleidet zwischen zwei Reihen seiner nächsten Verwandten hindurch. Jeder von ihnen reicht ihm einen Teil der besonderen Hochzeitskleidung für die Festnacht.“ „Gesegnet seien deine Gewänder, Muhammad; dein Mund spricht mit uns, doch deine Augen sind ganz bei der Braut.“ „Gesegnet sei der Iqal. Setze ihn auf, Muhammad, gesegnet sei der Iqal. Dein Mund spricht mit uns, doch deine Augen ruhen auf der Gazelle“.1 Das letzte Lied stammt aus dem heutigen Irak und gehört zum Genre Mulia. Der Text erzählt von einem liebeskranken Sohn, der die Brücke so oft überquerte, um seine Geliebte zu sehen, dass sie schließlich einstürzte. Seine Eltern, die davon wissen, behalten ihn deshalb im Auge. Nach Angaben des verstorbenen Musikwissenschaftlers Hassan Abbas steht das Wort Mulia in Verbindung mit der mesopotamischen Göttin Ishtar, die Krieg und Fruchtbarkeit verkörpert hat. Der Begriff steht für Fülle, Überfluss, Erfüllung und Zufriedenheit.2
1Begleittext aus ‚Zaghareed (Music From The Palestinian Holy Land)’ beim Sounds True Label, 1999.
2Abbass, Hassan (2018) ‚Traditional Music in Syria‘ Beirut: UN
EB 9668
Partitur
EAN: 9790004191637
28 Seiten / 23 x 30.5 cm / geheftet
EB 9668D
Partitur
EAN: 9790004825969
EB 9669
Stimmensatz
EAN: 9790004191644
48 Seiten / 23 x 30.5 cm / Mappe
EB 9669D
Stimmensatz
EAN: 9790004825976
Beschreibung
Das Projekt Syrian Folk Songs ist ein langfristiges Vorhaben, das ländliche und städtische Volksmusik des historischen „Großsyrien“ für Streichquartett neu imaginiert. Es will die Schönheit und Vielfalt dieser Musik unterschiedlicher Epochen hervorheben. Dies bedeutet zugleich anzuerkennen, dass nationale Grenzen problematisch sind: künstliche, von politischen Akteuren geschaffene und mit Macht durchgesetzte Konstrukte. Kultur jedoch durchdringt solche Grenzen. Wer sich auf diese von Menschen unterschiedlicher Religionen und kultureller Hintergründe geschaffene Musik einlässt, entdeckt eine menschliche Vielschichtigkeit, die hinter vereinfachenden, monolithischen Darstellungen oft verborgen bleibt. Das heutige Syrien unterscheidet sich deutlich vom „Großsyrien“ vor hundert Jahren, das bis etwa 1920 auch die Gebiete des heutigen Libanon, Israels, Jordaniens, des Gazastreifens sowie den Süden der heutigen Türkei (Alexandretta/Iskenderun) beinhaltete. Selbst zu meinen Lebzeiten haben sich die Grenzen des modernen Syrien verändert und scheinen sich infolge des Bürgerkriegs und seiner Nachwehen weiter zu verschieben. Die Motivation dieses Projekts ist nicht nationalistisch, sondern humanistisch.
Den Titel wählte ich nur, weil ich diese Lieder zunächst durch syrische Künstlerinnen und Künstler kennenlernte, etwa durch den großen Tenor Sabah Fakhri oder die Sängerin Jamila Nassour, deren Künstlername Karawan lautete und die mit meiner Familie in Damaskus befreundet war. Je mehr ich mich mit diesen Liedern beschäftigte, desto deutlicher wurde, dass sie nicht dem modernen syrischen Nationalstaat entstammen, sondern aus Regionen des heutigen Irak, Palästina, Libanon, Jordanien, Israel und anderen Gebieten. Spätere Künstlergenerationen griffen diese Melodien neu auf, etwa die libanesische Sängerin Samira Tawfiq, oder bewahrten sie in zeitgemäßer Form, wie die palästinensische Folkloregruppe El-Funoun. Ihre fantasievollen Interpretationen haben meine Vorstellungskraft geprägt; ihnen allen bin ich zu großem Dank verpflichtet.
Warum ein Streichquartett? Weil ich vielen Musikerinnen und Musikern aus dieser Region begegnet bin, die klassische westliche Musik spielen, und möchte, dass sie sich zumindest in einem Teil des Repertoires kulturell beheimatet fühlen. Zugleich richten sich diese Stücke an Menschen außerhalb der Region, die diese Musik, ihre Kultur oder die darin zum Ausdruck kommenden Gefühle kennenlernen möchten. Und natürlich an das Publikum. Menschliche Verbundenheit und gegenseitiges Verständnis durch Künste zu fördern, braucht Geduld, und dies ist mein Beitrag, die Welt ein kleines Stück besser zu machen.
Das erste Lied gibt einem unerwidert Liebenden eine Stimme: „O du honigfarbene Schöne, ich bin müde, o liebes Herz. Deine Liebe hat mich zu Fall gebracht. Du mit den großen Augen hast Schmerz in mein Herz gelegt.“ Der Text des zweiten Liedes stammt aus Aleppo. Er erzählt von einem jungen Mann, der beobachtet, wie eine junge Frau das Haus ihres Vaters verlässt, um zu den Nachbarn zu gehen. Er hält sie auf und spricht zu ihr: „O Schöne, stille meinen Durst und lass mich deine Wangen sehen.“ Sie antwortet: „Geh fort, du armseliger Kerl. Meine Wangen gleichen den Äpfeln von Damaskus.“ Das dritte Lied ist ein traditionelles palästinensisches Dorflied: „Der Bräutigam schreitet beinahe unbekleidet zwischen zwei Reihen seiner nächsten Verwandten hindurch. Jeder von ihnen reicht ihm einen Teil der besonderen Hochzeitskleidung für die Festnacht.“ „Gesegnet seien deine Gewänder, Muhammad; dein Mund spricht mit uns, doch deine Augen sind ganz bei der Braut.“ „Gesegnet sei der Iqal. Setze ihn auf, Muhammad, gesegnet sei der Iqal. Dein Mund spricht mit uns, doch deine Augen ruhen auf der Gazelle“.1 Das letzte Lied stammt aus dem heutigen Irak und gehört zum Genre Mulia. Der Text erzählt von einem liebeskranken Sohn, der die Brücke so oft überquerte, um seine Geliebte zu sehen, dass sie schließlich einstürzte. Seine Eltern, die davon wissen, behalten ihn deshalb im Auge. Nach Angaben des verstorbenen Musikwissenschaftlers Hassan Abbas steht das Wort Mulia in Verbindung mit der mesopotamischen Göttin Ishtar, die Krieg und Fruchtbarkeit verkörpert hat. Der Begriff steht für Fülle, Überfluss, Erfüllung und Zufriedenheit.2
1Begleittext aus ‚Zaghareed (Music From The Palestinian Holy Land)’ beim Sounds True Label, 1999.
2Abbass, Hassan (2018) ‚Traditional Music in Syria‘ Beirut: UN
Uraufführung
Uraufführung: Newberg (OR)/USA, 5. August 2023