Berceuse élégiaque op. 42 K 252a
Des Mannes Wiegenlied am Sarge seiner Mutter
[Orch] Dauer: 9' 3.1.2.B-Klar.0 – 4.0.0.0 – Schl – Hfe – Cel – Str
Beschreibung
Das Jahr 1909 war für Ferruccio Busoni in doppelter Hinsicht von schicksalhafter Bedeutung. Hatte er im Mai den Tod seines Vaters in der „Fantasia nach J. S. Bach“ noch kompositorisch durchaus gefasst und formstreng bewältigt, traf ihn im Oktober in London die Nachricht vom Tod seiner geliebten Mutter ungleich schwerer. Innerhalb weniger Tage entstand die „Berceuse élégiaque“, die Busoni mit dem Untertitel als „Des Mannes Wiegenlied am Sarge seiner Mutter“ erläuterte und der er das kurze eigene Gedicht
„Schwingt die Wiege des Kindes,
Schwankt die Wage[!] seines Schicksals;
Schwindet der Weg des Lebens,
Schwindet hin, in die ewigen Femen“
voranstellte. Manches an den Geburt und Tod verbindenden Zeilen findet sich in der Komposition unmittelbar umgesetzt: die wiegende Bewegung zu Beginn, die mitunter bis zur Unkenntlichkeit verschleierten harmonischen Verhältnisse („schwankt die Wage“?) und schließlich der in den mehrfach geteilten Streichern nach oben verlöschende Ausklang. Die originale Besetzungsangabe „Poesie [!] für sechsfaches Streichquartett [damit meint Busoni allerdings je sechs Violinen, Violen, Violoncelli und Kontrabässe] mit Sordinen, drei Flöten, einer Oboe, drei Klarinetten, vier Hörnern, Gong, Haife und Celesta" gibt einen weiteren Hinweis auf die differenziert eingesetzten Instrumentalfarben. Die Tonart F-dur liefert nur scheinbar einen festen Rahmen. Die Harmonik tendiert stellenweise zur Atonalität, und die „Berceuse élégiaque“ zählt damit zu den avancierten Busoni-Werken der Jahre um 1910, in denen parallel auch Schönberg und Webern zur freien Atonalität vorgestoßen waren.
Dass Busoni die Nuancen seiner Orchesterschreibweise hörend kontrollieren wollte, ist nur allzu verständlich. Erst nach einer Durchspielprobe gab er das Werk zur Veröffentlichung frei: 1910 erschien die Partitur bei Breitkopf & Härtel im Druck. Die Uraufführung ließ dann, nachdem sich die Berliner Philharmoniker der „Berceuse élégiaque“ nur mit Befremden genähert hatten, bis zum 21. Februar 1911 auf sich warten, als Gustav Mahler in der New Yorker Carnegie Hall ein Programm mit zeitgenössischer Orchestermusik italienischer [!] Komponisten vorstellte.
Rückblickend bemerkte Busoni über den außergewöhnlichen Stellenwert seiner Totenklage: „Bei diesem Stück … gelang es mir zum ersten Male, einen eigenen Klang zu treffen und die Form der Empfindung aufzulösen.“ Stärker als in der Originalfassung wurde Busonis „Berceuse élégiaque“ durch eine Bearbeitung für neun Instrumente bekannt, die sich 1957 im Nachlaß Arnold Schönbergs fand und 1965 – ebenfalls bei Breitkopf & Härtel – veröffentlicht wurde.
Wiesbaden, Frühjahr 1990
(Frank Reinisch)
MM 2108812
Mietmaterial
MM 2108813
Mietmaterial
1.0.1.0 – 0.0.0.0 – Klav.Harm – 2Vl.Va.Vc.Kb
Beschreibung
Beschreibung
Das Jahr 1909 war für Ferruccio Busoni in doppelter Hinsicht von schicksalhafter Bedeutung. Hatte er im Mai den Tod seines Vaters in der „Fantasia nach J. S. Bach“ noch kompositorisch durchaus gefasst und formstreng bewältigt, traf ihn im Oktober in London die Nachricht vom Tod seiner geliebten Mutter ungleich schwerer. Innerhalb weniger Tage entstand die „Berceuse élégiaque“, die Busoni mit dem Untertitel als „Des Mannes Wiegenlied am Sarge seiner Mutter“ erläuterte und der er das kurze eigene Gedicht
„Schwingt die Wiege des Kindes,
Schwankt die Wage[!] seines Schicksals;
Schwindet der Weg des Lebens,
Schwindet hin, in die ewigen Femen“
voranstellte. Manches an den Geburt und Tod verbindenden Zeilen findet sich in der Komposition unmittelbar umgesetzt: die wiegende Bewegung zu Beginn, die mitunter bis zur Unkenntlichkeit verschleierten harmonischen Verhältnisse („schwankt die Wage“?) und schließlich der in den mehrfach geteilten Streichern nach oben verlöschende Ausklang. Die originale Besetzungsangabe „Poesie [!] für sechsfaches Streichquartett [damit meint Busoni allerdings je sechs Violinen, Violen, Violoncelli und Kontrabässe] mit Sordinen, drei Flöten, einer Oboe, drei Klarinetten, vier Hörnern, Gong, Haife und Celesta" gibt einen weiteren Hinweis auf die differenziert eingesetzten Instrumentalfarben. Die Tonart F-dur liefert nur scheinbar einen festen Rahmen. Die Harmonik tendiert stellenweise zur Atonalität, und die „Berceuse élégiaque“ zählt damit zu den avancierten Busoni-Werken der Jahre um 1910, in denen parallel auch Schönberg und Webern zur freien Atonalität vorgestoßen waren.
Dass Busoni die Nuancen seiner Orchesterschreibweise hörend kontrollieren wollte, ist nur allzu verständlich. Erst nach einer Durchspielprobe gab er das Werk zur Veröffentlichung frei: 1910 erschien die Partitur bei Breitkopf & Härtel im Druck. Die Uraufführung ließ dann, nachdem sich die Berliner Philharmoniker der „Berceuse élégiaque“ nur mit Befremden genähert hatten, bis zum 21. Februar 1911 auf sich warten, als Gustav Mahler in der New Yorker Carnegie Hall ein Programm mit zeitgenössischer Orchestermusik italienischer [!] Komponisten vorstellte.
Rückblickend bemerkte Busoni über den außergewöhnlichen Stellenwert seiner Totenklage: „Bei diesem Stück … gelang es mir zum ersten Male, einen eigenen Klang zu treffen und die Form der Empfindung aufzulösen.“ Stärker als in der Originalfassung wurde Busonis „Berceuse élégiaque“ durch eine Bearbeitung für neun Instrumente bekannt, die sich 1957 im Nachlaß Arnold Schönbergs fand und 1965 – ebenfalls bei Breitkopf & Härtel – veröffentlicht wurde.
Wiesbaden, Frühjahr 1990
(Frank Reinisch)