La nave de Teseo
[3Git,StrOrch] 2026 duration: 22′ Soli: 3Git – StrOrch: 1.1.1.1.1 To be published late 10月 2026
Description
Plutarch berichtet, dass die Athener das Schiff bewahrten, mit dem Theseus nach Kreta gefahren und nach seinem Sieg über den Minotauros zurückgekehrt war. Im Laufe der Zeit wurden seine alten Planken nach und nach durch neue ersetzt. Aus dieser fortschreitenden Erneuerung entstand das berühmte philosophische Paradoxon vom „Schiff des Theseus“: War es noch dasselbe Schiff, nachdem alle seine Teile ersetzt worden waren? Das Paradoxon wirft eine grundlegende Frage auf: Was bleibt, wenn sich die Materie verändert? Worin liegt die Identität von etwas, das einem kontinuierlichen Wandel unterworfen ist? Von Heraklit und Platon bis zum zeitgenössischen Denken (David Wiggins, Peter Geach, Peter Unger, David Lewis oder Gilles Deleuze) sind die Begriffe Identität, Materie, Zeit und Gedächtnis eng mit dieser Frage verbunden.
Meine Komposition geht von diesem Paradoxon aus. Die Form bleibt, doch die Materie verändert sich. Ist es noch dasselbe Schiff? Ist es noch dasselbe musikalische Werk? Mein Werk gleicht diesem Schiff, und die Reflexion darüber überträgt sich unmittelbar auf das musikalische Material, indem Prozesse der Wiederholung, Transformation, Alterung und klanglichen Erosion erforscht werden. Die Materialien verändern sich fortwährend und machen Zeit und Gedächtnis zu den eigentlichen Protagonisten. Eine zugrunde liegende formale Idee bleibt jedoch durch all diese Transformationen hindurch wahrnehmbar: Musikalische Identität liegt nicht in der unveränderten Bewahrung des Materials, sondern in den Prozessen, durch die es erscheint, verschwindet, erodiert, wiederhergestellt oder ersetzt wird.
Die drei Sätze des Werkes tragen die Titel I. Memoria de la madera (Erinnerung des Holzes), II. Memoria del hierro (Erinnerung des Eisens) und III. Memoria del viento (Erinnerung des Windes). Holz, Eisen und Wind – wobei der Wind in meiner Vorstellung auch das Gewebe der Segel mit einschließt – erzeugen unterschiedliche Bilder und Klangwelten. Doch über eine rein evokative Assoziation hinaus möchte ich hier von Transmedialität sprechen. In jedem Satz vollziehen sich sensorische und synästhetische Übertragungen: Das Klangliche verweist auf Materie, Raum, Gewicht, Reibung, Oberfläche und Bewegung. Man könnte sogar von einer Wahrnehmung sprechen, die nicht ausschließlich auditiv, sondern auch haptisch – über den Tastsinn – und sogar olfaktorisch geprägt ist. Holz, Eisen und Wind bilden auf diese Weise unterschiedliche sinnliche Zustände der musikalischen Materie.
Die drei Sätze sind keine drei voneinander unabhängigen Objekte, sondern drei Zustände oder zeitliche Regionen ein und derselben musikalischen Identität (Lewis), die fortwährend Prozessen der Erosion, Transformation und Wiederherstellung unterworfen ist. Mit Deleuze könnte man sagen, dass es sich nicht um ein Paradoxon der Identität, sondern um eine Dramaturgie der Zeit handelt. Für Deleuze ist die Wiederholung niemals Wiederholung des Selben, sondern stets Wiederholung des Differenten als solchen (Différence et répétition). Das Schiff war niemals ein Ding: Es war immer ein Werden. La nave de Teseo eröffnet damit neue Wege innerhalb meiner kompositorischen Arbeit, setzt meine Erkundung der Klangwelten der Gitarre – eines der Instrumente, die mir besonders nahestehen – fort und schlägt zugleich eine ungewöhnliche instrumentale Besetzung vor: drei solistische Gitarren und Streichorchester.
MM 2360175
Mietmaterial
Description
Plutarch berichtet, dass die Athener das Schiff bewahrten, mit dem Theseus nach Kreta gefahren und nach seinem Sieg über den Minotauros zurückgekehrt war. Im Laufe der Zeit wurden seine alten Planken nach und nach durch neue ersetzt. Aus dieser fortschreitenden Erneuerung entstand das berühmte philosophische Paradoxon vom „Schiff des Theseus“: War es noch dasselbe Schiff, nachdem alle seine Teile ersetzt worden waren? Das Paradoxon wirft eine grundlegende Frage auf: Was bleibt, wenn sich die Materie verändert? Worin liegt die Identität von etwas, das einem kontinuierlichen Wandel unterworfen ist? Von Heraklit und Platon bis zum zeitgenössischen Denken (David Wiggins, Peter Geach, Peter Unger, David Lewis oder Gilles Deleuze) sind die Begriffe Identität, Materie, Zeit und Gedächtnis eng mit dieser Frage verbunden.
Meine Komposition geht von diesem Paradoxon aus. Die Form bleibt, doch die Materie verändert sich. Ist es noch dasselbe Schiff? Ist es noch dasselbe musikalische Werk? Mein Werk gleicht diesem Schiff, und die Reflexion darüber überträgt sich unmittelbar auf das musikalische Material, indem Prozesse der Wiederholung, Transformation, Alterung und klanglichen Erosion erforscht werden. Die Materialien verändern sich fortwährend und machen Zeit und Gedächtnis zu den eigentlichen Protagonisten. Eine zugrunde liegende formale Idee bleibt jedoch durch all diese Transformationen hindurch wahrnehmbar: Musikalische Identität liegt nicht in der unveränderten Bewahrung des Materials, sondern in den Prozessen, durch die es erscheint, verschwindet, erodiert, wiederhergestellt oder ersetzt wird.
Die drei Sätze des Werkes tragen die Titel I. Memoria de la madera (Erinnerung des Holzes), II. Memoria del hierro (Erinnerung des Eisens) und III. Memoria del viento (Erinnerung des Windes). Holz, Eisen und Wind – wobei der Wind in meiner Vorstellung auch das Gewebe der Segel mit einschließt – erzeugen unterschiedliche Bilder und Klangwelten. Doch über eine rein evokative Assoziation hinaus möchte ich hier von Transmedialität sprechen. In jedem Satz vollziehen sich sensorische und synästhetische Übertragungen: Das Klangliche verweist auf Materie, Raum, Gewicht, Reibung, Oberfläche und Bewegung. Man könnte sogar von einer Wahrnehmung sprechen, die nicht ausschließlich auditiv, sondern auch haptisch – über den Tastsinn – und sogar olfaktorisch geprägt ist. Holz, Eisen und Wind bilden auf diese Weise unterschiedliche sinnliche Zustände der musikalischen Materie.
Die drei Sätze sind keine drei voneinander unabhängigen Objekte, sondern drei Zustände oder zeitliche Regionen ein und derselben musikalischen Identität (Lewis), die fortwährend Prozessen der Erosion, Transformation und Wiederherstellung unterworfen ist. Mit Deleuze könnte man sagen, dass es sich nicht um ein Paradoxon der Identität, sondern um eine Dramaturgie der Zeit handelt. Für Deleuze ist die Wiederholung niemals Wiederholung des Selben, sondern stets Wiederholung des Differenten als solchen (Différence et répétition). Das Schiff war niemals ein Ding: Es war immer ein Werden. La nave de Teseo eröffnet damit neue Wege innerhalb meiner kompositorischen Arbeit, setzt meine Erkundung der Klangwelten der Gitarre – eines der Instrumente, die mir besonders nahestehen – fort und schlägt zugleich eine ungewöhnliche instrumentale Besetzung vor: drei solistische Gitarren und Streichorchester.
Table of contents
| 1. | Memoria de la madera |
| 2. | Memoria del hierro |
| 3. | Memoria del viento |
World premiere
Uraufführung: Tychy/Polen (20th Silesian Guitar Autumn Festival), 17. Oktober 2026
Auftragswerk des Internationalen Festival „Silesian Guitar Autumn“ Tychy 2026