Description
Die Vorstellung von Gleichzeitigkeit – also im gegenwärtigen Moment zu sein und damit implizit „neu“ – gehört für viele Komponistinnen und Künstler der jüngeren Zeit zu den grundlegenden Überzeugungen. Vielleicht auch schon für frühere Generationen? Sicher ist jedenfalls: Das Gegenwärtige wird rasch zur Vergangenheit, und das Neue wird schnell alt … Suchen wir in musikalischen Erfahrungen nicht nach etwas Tieferem als bloßer Neuheit? Notation und Aufzeichnung öffnen Fenster zu anderen Zeiten und Orten, holen sie in unsere Gegenwart und lassen sie – wenn auch nur flüchtig – wieder lebendig werden. Ebenso kann die Präsentation und Transformation bereits existierenden Materials zur Grundlage von Erneuerung werden.
Dieses Stück setzt eine Auseinandersetzung mit Zeit und Ort fort, die in all meinen bisherigen Werken für Streichquartett präsent ist. Der Titel meines Quartetts von 2020, This present moment used to be the unimaginable future, lenkte die Aufmerksamkeit auf die bemerkenswerte Unwahrscheinlichkeit des Hier und Jetzt, in dem wir existieren – Zeit als Linse, durch die sich Wunder und Erkenntnisse offenbaren können. Meine Songbooks hingegen konzentrieren sich konkreter auf die Oberton-Gesangstraditionen aus Tuva und Sardinien – musikalisches Material aus fremden Orten (die ich nie besucht habe, deren Musik ich jedoch in vielen Aufnahmen gehört habe), gefiltert durch das vertraute Medium des Quartetts. Das Medium verändert sich – und wird zugleich verändert – durch die Botschaft seines Ausgangsmaterials.
Mit vorsichtigen Schritten in Richtung Zukunft blickt Towards a not yet remembered past … zurück ins späte 14. Jahrhundert: Drei „originäre“ Sätze auf Grundlage eigenen Materials werden von vier Neudeutungen (in unterschiedlichem Maß variierte Transkriptionen) von Musik einiger meiner Lieblingskomponisten des Mittelalters eingerahmt: Solage, Senleches, Machaut und Baude Cordier. Diese Werke – mit Ausnahme von Machauts Puis qu’en oubli – finden sich im bemerkenswerten Codex Chantilly, einer zentralen Quelle der sogenannten ars subtilior, die von einer Phase großer schöpferischer Fantasie zeugt und uns Musik voller Witz, melodischer Schönheit und rhythmischer Komplexität überliefert.
Meine Wertschätzung für diese Musik wurde durch zahlreiche herausragende und sehr unterschiedliche Einspielungen vertieft: Meine Arbeits-Playlist umfasst elf Versionen von Solage, vier von Senleches, sechs von Baude Cordier und zehn von Machaut. Beim Hören wird deutlich, dass diese Stücke keine fixen Objekte sind, sondern Keime von Möglichkeiten, die je nach Ausführung unterschiedlich wachsen. Gleichzeitig teilen die drei „neuen“ Sätze eine gemeinsame Sehnsucht nach einem imaginierten Anderswo.
Dieses Werk ist Nicola LeFanu gewidmet.
(Christian Mason, Januar 2025)
EB 9660
Partitur
EAN: 9790004191538
72 pages / 23 x 30.5 cm / stapled
EB 9660D
Partitur
EAN: 9790004825839
74 pages / 23 x 30.5 cm / digital edition
EB 9661
Stimmensatz
EAN: 9790004191545
96 pages / 23 x 30.5 cm / folder
EB 9661D
Stimmensatz
EAN: 9790004825846
Description
Die Vorstellung von Gleichzeitigkeit – also im gegenwärtigen Moment zu sein und damit implizit „neu“ – gehört für viele Komponistinnen und Künstler der jüngeren Zeit zu den grundlegenden Überzeugungen. Vielleicht auch schon für frühere Generationen? Sicher ist jedenfalls: Das Gegenwärtige wird rasch zur Vergangenheit, und das Neue wird schnell alt … Suchen wir in musikalischen Erfahrungen nicht nach etwas Tieferem als bloßer Neuheit? Notation und Aufzeichnung öffnen Fenster zu anderen Zeiten und Orten, holen sie in unsere Gegenwart und lassen sie – wenn auch nur flüchtig – wieder lebendig werden. Ebenso kann die Präsentation und Transformation bereits existierenden Materials zur Grundlage von Erneuerung werden.
Dieses Stück setzt eine Auseinandersetzung mit Zeit und Ort fort, die in all meinen bisherigen Werken für Streichquartett präsent ist. Der Titel meines Quartetts von 2020, This present moment used to be the unimaginable future, lenkte die Aufmerksamkeit auf die bemerkenswerte Unwahrscheinlichkeit des Hier und Jetzt, in dem wir existieren – Zeit als Linse, durch die sich Wunder und Erkenntnisse offenbaren können. Meine Songbooks hingegen konzentrieren sich konkreter auf die Oberton-Gesangstraditionen aus Tuva und Sardinien – musikalisches Material aus fremden Orten (die ich nie besucht habe, deren Musik ich jedoch in vielen Aufnahmen gehört habe), gefiltert durch das vertraute Medium des Quartetts. Das Medium verändert sich – und wird zugleich verändert – durch die Botschaft seines Ausgangsmaterials.
Mit vorsichtigen Schritten in Richtung Zukunft blickt Towards a not yet remembered past … zurück ins späte 14. Jahrhundert: Drei „originäre“ Sätze auf Grundlage eigenen Materials werden von vier Neudeutungen (in unterschiedlichem Maß variierte Transkriptionen) von Musik einiger meiner Lieblingskomponisten des Mittelalters eingerahmt: Solage, Senleches, Machaut und Baude Cordier. Diese Werke – mit Ausnahme von Machauts Puis qu’en oubli – finden sich im bemerkenswerten Codex Chantilly, einer zentralen Quelle der sogenannten ars subtilior, die von einer Phase großer schöpferischer Fantasie zeugt und uns Musik voller Witz, melodischer Schönheit und rhythmischer Komplexität überliefert.
Meine Wertschätzung für diese Musik wurde durch zahlreiche herausragende und sehr unterschiedliche Einspielungen vertieft: Meine Arbeits-Playlist umfasst elf Versionen von Solage, vier von Senleches, sechs von Baude Cordier und zehn von Machaut. Beim Hören wird deutlich, dass diese Stücke keine fixen Objekte sind, sondern Keime von Möglichkeiten, die je nach Ausführung unterschiedlich wachsen. Gleichzeitig teilen die drei „neuen“ Sätze eine gemeinsame Sehnsucht nach einem imaginierten Anderswo.
Dieses Werk ist Nicola LeFanu gewidmet.
(Christian Mason, Januar 2025)
Table of contents
| I. | after Solage – Fumeux fume par fumée |
| II. | Blissful vistas |
| III. | after Senleches – La harpe de melodie |
| IV. | Nearer to you |
| V. | after Machaut – Puis qu’en oubli |
| VI. | Elysium |
| VII. | after Baude Cordier – Tout par compas suy composés |
World premiere
Uraufführung: Witten (Wittener Tage), 25. April 2026
Auftragswerk des WDR 3 – Wittener Tage 2026, Quatuor Diotima und ProQuartet – Centre européen de musique de chambre