Birkenkötter: with keys
Four pieces for ensemble with 2 pianos
world première: March 6, 2009
Ensemble
Modern: Was haben Sie in Johannesburg erforscht? Welche
Menschen haben Sie kennen gelernt? Haben Sie bei Ihrem Aufenthalt den
Fokus auf bestimmte Themen gerichtet?
Jörg Birkenkötter: Ich habe
meine Aufmerksamkeit besonders auf die Geschichte der Stadt und des
Landes, die historische Entwicklung und verbunden damit die Frage nach
der heutigen gesellschaftlichen Situation gerichtet. Dabei hat mich
besonders interessiert, wie sich die Vielfalt der Sprachen und die
Vielzahl der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen im alltäglichen
Leben, aber auch in der Kunst, Literatur und Musik widerspiegeln. –
Und: resultiert daraus ein spezifischer Klang Johannesburgs?
EM: Gab
es beeindruckende Entdeckungen oder einschneidende Erlebnisse, die
Eingang in Ihr Werk finden werden?
JB: Sehr beeindruckend war
der Besuch des Constitutional Hill, ehemaliges Gefängnis und heute Sitz
des Verfassungsgerichts. Ein bedrückender und gleichzeitig Hoffnung
stiftender Ort durch die direkte Konfrontation der menschenverachtenden
Apartheidpolitik der Vergangenheit mit der wunderbaren, liberalen
Verfassung des heutigen Südafrikas. Weiterhin war ich sehr beeindruckt
von zwei Besuchen in Soweto, zusammen mit einem (weißen)
Improvisationsmusiker, der dort Workshops mit (schwarzen) Kindern und
Jugendlichen macht. Sie spielen auf aus Müll gebauten Instrumenten und
entwickeln dabei eine unglaubliche Dynamik und körperliche Intensität.
Hier konnte ich das vielfach beschworene „vibrierende“ Johannesburg
tatsächlich direkt erleben. Am beeindruckendsten und meine Musik
sicherlich am meisten prägend war jedoch die trotz der angespannten
sozialen Situation unglaubliche Offenheit und Freundlichkeit fast aller
Menschen, denen ich begegnet bin.
EM: Wie transformieren Sie
das Erlebte in Musik? (Haben Sie Ihre Eindrücke von der Stadt
beispielsweise medial festgehalten?)
JB: Ich habe verschiedene
Tonbandaufnahmen gemacht, um den spezifischen Klang der Stadt
einzufangen, in der Natur, in den Straßen, in Kneipen, bei den Kids in
Soweto, bei eigenartigen Gottesdiensten ganz kleiner schwarzer
Gemeinden im Freien. Ich habe mich aber dann später entschieden, dieses konkrete Material
nicht in meine Komposition zu integrieren.
EM: Welche Bedeutung hat der geschichtliche,
kulturelle und politische Hintergrund von Johannesburg für Ihre
musikalische Reflexion der Stadt? (Stichwort Migration und das eigene
Fremdsein in der Stadt)
JB: Die Thematik hat eine große Rolle in meiner
Beschäftigung mit Johannesburg und Südafrika gespielt. Um die komplexe
geschichtliche, kulturelle und politische Situation aber wirklich zu
verstehen und konkret darauf zu reagieren, ist ein vierwöchiger
Aufenthalt einfach nicht ausreichend. …
EM: Haben Sie sich auch mit
der Musikkultur Südafrikas auseinander gesetzt und fließt diese in Ihr
Werk ein?
JB: Ich habe den Eindruck, es gibt nicht die
südafrikanische Musikkultur. Südafrika scheint mir eine Art
Sammelbecken aller möglichen Einflüsse zu sein, die sich gegenseitig
befruchten, durchdringen, verändern – aber zum Teil auch nivellieren:
allzu vieles schien mir übermäßig überformt von einem Mainstream-Pop.
Trotzdem hat der musikalische Gesamteindruck die Konzeption meines
Stückes klar geprägt, denn die schon erwähnte Freundlichkeit war auch
in der meisten hier gehörten Musik sehr deutlich spürbar und unter den
Musikern unterschiedlichster Herkunft, die ich kennen gelernt habe, gab
es offensichtlich keinerlei ethnische Konflikte. Ich habe daher
versucht, eine im besten Sinne unterhaltsame, spielerisch leichte
(vielleicht: glückliche?) Musik zu schreiben, die sich jedoch ihrer
Bedrohtheit bewusst ist und diese auch nicht verschweigt. Dieser Ansatz
wurde dann allerdings, kaum dass ich mit der Arbeit richtig begonnen
hatte, auf eine harte Probe gestellt. Denn kurz nach meiner Rückkehr
brach die Gewalt in Johannesburg ja bekanntlich in mörderischer Form
offen aus. Der letzte Teil meines Werkes verhält sich daher eher
fragend-hinterfragend zu dem Gesamtansatz.
