Breitkopf PÄDAGOGIK im Dialog
Ein Interview mit Ulrich Mahlert
Seit 2001 gibt es die Editionsreihe „Breitkopf PÄDAGOGIK“. Mittlerweile liegen zahlreiche Spielhefte und Instrumentalschulen vor, die erfolgreich Eingang in die Musikpraxis gefunden haben.
Mehrere Ausgaben erhielten sogar den Deutschen Musikeditionspreis. Bücher mit neuesten Erkenntnissen aus Praxis und Forschung begleiten das Programm der Reihe „Breitkopf PÄDAGOGIK“. Den Abschluss des Projekts Schnupperkurs, eine Materialsammlung für ein Instrumentenkarussell an Musikschulen, nahm Breitkopf-Redakteurin Melisande Bernsee zum Anlass für ein Gespräch mit Prof. Dr. Ulrich Mahlert (UdK Berlin), dem Mit-Initiator und langjährigen Berater der Reihe.
Breitkopf & Härtel: Herr Mahlert, Sie waren von Anfang an als Projektberater beim Aufbau der „Breitkopf PÄDAGOGIK“ mit dabei. Welche Gründe sprachen dafür, mit einer pädagogischen Editionsreihe zu beginnen?
Ulrich Mahlert: Die Verlagsleitung hatte die Entscheidung getroffen, den pädagogischen Bereich des Verlagsprogramms auszuweiten und durch innovative Veröffentlichungen zu bereichern. Der renommierte Verlag fühlte sich verantwortlich dafür, noch mehr als bisher gute Literatur für die musikalische Ausbildung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu publizieren. Dabei sollte von Anfang auf höchste Qualität geachtet werden – keine Selbstverständlichkeit, wenn man sich die grassierende Mittelmäßigkeit vieler pädagogischer Neuerscheinungen auf dem Musikmarkt vergegenwärtigt. Es wurde gründlich Ausschau gehalten nach exzellenten Autorinnen und Autoren sowie nach Herausgebern von Musik, die sich für pädagogische Zwecke eignet. Bald schon konnten die ersten Musikalien der Reihe „Breitkopf PÄDAGOGIK“ erscheinen. 2001:
70 Tastenabenteuer mit dem kleinen Ungeheuer von dem Team Karin Daxböck, Elisabeth Haas, Martina Schneider, Rosemarie Trzeja und Veronika Weinhandl,
The Blues Collection von Igor Jussim,
Vierhändig durch Europa von Ingo Braune,
12 Klanglandschaften im Klavier von Steffen Schleiermacher, 2002: Blowin’ Winds – Das flexible Bläser-Ensemble von Peter Sebastian und Was soll das bedeuten von Ulrike Wohlwender, 2003: Jazzy Birthday von Jürgen Borstelmann und Vierhändig durchs Kinderland von Ingo Braune.
B & H: Was lag vor acht Jahren im Verlag bereits vor?
Ulrich Mahlert: 1995 erschien die sehr erfolgreiche Instrumentalschule 1 2 3 Klavier von Ulrike Wohlwender und Claudia Ehrenpreis, eine Schule, die nicht zuletzt Maßstäbe setzte für die Methodik des Gruppenunterrichts. Vorher schon gab es Sammlungen klug ausgewählter Unterrichtsstücke, etwa das 1988 erschienene Tastenkrokodil, zusammengestellt vom Team der Klavierpädagoginnen Elisabeth Haas, Rosemarie Salzbrunn, Martina Schneider, Karin Strebl, Veronika Weinhandl, mit viel leichter Originalliteratur für Klavier. Diesem Band folgten von den gleichen Autorinnen die Anthologien Toll in Moll (1994) und
Hello, Mr Gillock! Hello, Carl Czerny! (1997). Auf dem Gebiet der Musiklehre erschien 1998 die Harmonielehre für Kinder von Barbara Rieder.
B & H: Welches Konzept verfolgten Sie bei der Suche nach neuen Autoren? Welche Ausrichtung und Ziele waren von Anfang an maßgebend?
Ulrich Mahlert: Das Bestreben war, einfache und doch musikalisch wie spieltechnisch reichhaltige Materialien zu finden – eine Musik also, die sich nicht dem Mainstream einer primitiven Spaßpädagogik andient, sondern Besseres, Differenzierteres verwirklicht. Der Verlag beabsichtigte, neue Tendenzen in der Musik sowie aktuelle pädagogische Fragestellungen aufzugreifen. Hieraus ergaben und ergeben sich die innovativen Konzepte für Publikationen von „Breitkopf PÄDAGOGIK“. Die Ausgaben der Reihe verstehen sich als vielgestaltige Anregungen zu einem niveauvollen Musizieren. Intelligent und fantasievoll konzipierte pädagogische Konzepte ermöglichen individuelle, an ästhetischen Erfahrungen reiche Zugänge zur Musik. Die Qualität und die Erfolge von „Breitkopf PÄDAGOGIK“-Ausgaben beruhen außerdem darauf, dass sie im Unterricht und in der Vorspielpraxis erprobt wurden. Alle Veröffentlichungen stammen von erfahrenen Dozentinnen und Dozenten.
B & H: Was ist in der Zwischenzeit erreicht worden? Worin sehen Sie heute Schwerpunkte und Aufgaben der „Breitkopf PÄDAGOGIK“?
Ulrich Mahlert: Mittlerweile liegt eine beeindruckende Fülle von guten Lehrwerken sowie von guter Unterrichts- und Spielliteratur vor, wobei das Klavier aus verständlichen Gründen dominiert: es ist immer noch das am meisten nachgefragte Instrument. Außer den bereits erwähnten Titeln wären etwa zu nennen: BlockflötenSpiel Heft 1 und 2 von Irmhild Beutler und Sylvia C. Rosin sowie Der Geigenkasten Heft 1-3 von Michael Dartsch.
B & H: „Breitkopf PÄDAGOGIK“ wird weitere Instrumentalschulen vorlegen, wobei der Gruppenunterricht auch weiterhin in die Konzepte mit eingebunden ist. Worin sehen Sie Vor- und Nachteile des Gruppenunterrichts?
Ulrich Mahlert: Der jahrzehntelange Streit über Einzel- und Gruppenunterricht, der häufig zu einem Ausspielen der einen Unterrichtsform gegen die andere führte, erscheint heute überholt. Einzel- und Gruppenunterricht sind keine Alternativen, sondern sie haben beide ihre Berechtigung und sollten sich nach Möglichkeit ergänzen. Das ist möglich durch eine Flexibilisierung von Unterrichtsformen, die mittlerweile von vielen Lehrkräften praktiziert wird: Schüler haben bei ihren Lehrerinnen und Lehrern „Zeitkonten“, die flexibel auf Phasen von Einzel- und Gruppenunterricht aufgeteilt werden können. Zu bedenken ist: Schüler lernen nicht nur von ihren Lehrern, sondern vor allem auch voneinander. Dieses wichtige Lernpotential wird im Partnerunterricht mit zwei Schülern und im Gruppenunterricht genutzt. Viele Lernbereiche lassen sich im Gruppenunterricht vorteilhaft vermitteln – etwa Zusammenspiel, Improvisation, Musiklehre, Körperschulung. Auch die Möglichkeiten des Übens und Lernens im Spiel sind im Gruppenunterricht reicher. Einzelunterricht ist besonders dann sinnvoll, wenn es um differenzierte spieltechnische und interpretatorische Lehre geht.
B & H: Bereits zu Beginn der Editionsreihe spielten auch Jazz und Neue Klaviermusik eine wichtige Rolle. Igor Jussim veröffentlichte 2001 seine Blues Collection, und Steffen Schleiermacher erreichte mit seinen 12 Klanglandschaften im Klavier eine vorbildliche Verbindung zwischen Neuer Musik und Pädagogik. Beide Ausrichtungen sind also fester Bestandteil von Breitkopf PÄDAGOGIK. Erst jüngst erschien Der beleidigte Papagei – 11 Miniaturen für Klavier. Hierbei versteht sich der Komponist Claus Kühnl als Brückenbauer zur Moderne. Im Jazz ist das Spiel- und Übungsheft Groovy Strings für Streicher vom Ensemble String Thing in Vorbereitung. Welche Möglichkeiten sehen Sie für die „Breitkopf PÄDAGOGIK“ im Jazz und der Neuen Musik vor dem Hintergrund der allseits präsenten Thematik „Musikvermittlung“?
Ulrich Mahlert: Mit „Musikvermittlung“ – in der Tat ein derzeit fast inflationär gebrauchter Begriff – meinen Sie offenbar Bestrebungen, Menschen zu einer für sie noch ungewohnten Musik zu führen, die in ihrem „klassisch“ orientierten, traditionellen Unterricht wenig Platz hatte. Das gilt ja leider für die großen Bereiche Jazz/Rock/Pop und Neue Musik. Ich finde, ein in seinen Publikationen stets auf höchste Ansprüche ausgerichteter Verlag wie Breitkopf & Härtel hat eine große Verantwortung, auch diese Bereiche sorgfältig zu pflegen. Die von Ihnen genannten wie auch weitere geplante Publikationen zeigen, dass Breitkopf diese Verantwortung gerade auch in seinem pädagogischen Programm sehr ernst nimmt. – Bei dem Wort „Musikvermittlung“ denke ich vor allem auch an die in den letzten Jahren so vielfältig gewordenen publikumsbezogenen Aktivitäten wie Konzertmoderationen, fantasievolle Gestaltungen von Konzerten für Kinder und andere Adressatengruppen, die Einbeziehung von kunstübergreifenden Ideen bei der Bemühung, ein Verstehen von Musik zu ermöglichen. Ich meine, dass ein Verlag auch diese Tendenzen aufgreifen sollte. Das geschieht ja auch bereits bei Breitkopf, beispielsweise durch die Einbeziehung von Lernfeldern wie Musikgeschichte in Instrumentalschulen.
B & H: Mit Hand und Instrument von Christoph Wagner und Handbuch Üben öffnete sich die „Breitkopf PÄDAGOGIK“ der pädagogischen Fachliteratur. Welche Entwicklung sehen Sie in diesem Bereich?
Ulrich Mahlert: Ich finde es sehr klug, dass Breitkopf bei der Neuausrichtung seines pädagogischen Verlagsprogramms von Anfang an Wert darauf legte, neben der Publikation von Notenmaterialien für die musikpädagogische Praxis auch grundlegende theoretische Werke herauszubringen. Das ist kein Gegensatz, im Gegenteil. Praxis und Theorie gehören zusammen; sie sind aufeinander angewiesen. Außerdem gilt die treffliche Formulierung von Albert Einstein: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie; denn sie schärft den Blick für die Praxis.“ An gediegenen und in hohem Maße praxisrelevanten Schriften, die an der Seite der „Breitkopf PÄDAGOGIK“ erschienen sind, wären zu nennen: Praktische Musiklehre von Wieland Ziegenrücker, Hand und Instrument von Christoph Wagner, Lexikon Musiktheorie von Thomas Krämer, das Handbuch Üben (Hg. Ulrich Mahlert) und die sehr kompakte Darstellung musiktheoretischer Inhalte in Elementarlehre Musik von Dietmar Dagg, Walter Herchenhan, Justus Mahr und Albrecht Schmidt. Zukünftige Projekte sind mit Michael Dartsch und Andreas Doerne geplant.
B & H: Sie sprachen von der Notwendigkeit, neue Entwicklungen der Musik und aktuelle pädagogische Fragestellungen aufzugreifen. Ein gutes Beispiel hierfür liefert der Schnupperkurs von Elena Marx. Das Projekt entstand aus der Praxis für Musikschulen, die Orientierungskurse zur Instrumentenwahl für junge Schüler initiieren, jedoch ohne ein bestimmtes Konzept in der Hand zu haben. In Zusammenarbeit mit einem Autorenteam entwickelte Elena Marx gemeinsam mit Breitkopf & Härtel daraufhin als erster Verlag Konzepte und Materialien für solche Instrumentenkarussells. Von großer Bedeutung war von Anfang an die hohe Flexibilität des Materials und eine offene Konzeption, um sich optimal an die jeweilige Situation der Musikschule vor Ort anpassen zu können. Die Ergänzungslieferungen zu einzelnen Instrumenten ermöglichen nun auch ein breites Spektrum in einem Schnupperkurs vorzustellen. Hier sieht man, wie wichtig der Austausch zwischen Praxis und Verlag ist.
Ein anderes aktuelles Thema, das die „Breitkopf PÄDAGOGIK“ aufgegriffen hat, ist das Ensemble-Musizieren an (Musik-)Schulen. Dieses hat insbesondere vor dem Hintergrund der zunehmenden Kooperation von Musikschulen und allgemein bildenden Schulen an Bedeutung gewonnen. Welche Hilfestellungen können hier Ausgaben wie Flexible Strings geben?
Ulrich Mahlert: Viele bisher vorliegende Materialien für das Ensemblemusizieren an Schulen und Musikschulen erscheinen mir musikalisch recht dürftig. Die Musikpädagogik muss Acht geben, dass sie nicht zurückfällt in ein primitives Werkeln, das wir aus der Tradition der Jugendmusikbewegung kennen. Natürlich ist es nicht immer leicht, mit einem größeren Ensemble von Schülern, die in der Regel unterschiedliche Fertigkeiten auf dem Instrument mitbringen, anspruchsvoll Musik zu machen. Umso wichtiger finde ich das Anliegen von „Breitkopf PÄDAGOGIK“, auch in diesem immer wichtiger werdenden Bereich der (Schüler-)Ensembles mit gemischtem Niveau auf Qualität zu achten und Sammlungen herauszubringen, die spieltechnisch für jeden Mitspieler angemessene Aufgaben bereithalten und doch musikalisch ergiebig sind. Gut gelungen ist das in den Sammlungen Cello-(Phil)Vielharmonie von Roswitha Bruggaier, Blowin’ Winds von Peter Sebastian und Flexible Strings von Angelika Bachmann. Geplant sind weitere Materialien für Jazz-Streicher: Groovy Strings vom Ensemble String Thing.
B & H: Welche Bedeutung haben für Sie neue Editionsformen wie druckbare Einzelstimmen auf CD, die bei Flexible Strings erstmals mit angeboten werden, oder Filmmaterial zu Spieltechniken wie bei der Ausgabe Groovy Strings?
Ulrich Mahlert: Solche Materialien erweitern die didaktischen Möglichkeiten erheblich. Druckbare Einzelstimmen auf CD-ROM ermöglichen den Lehrenden, den besonderen Gegebenheiten der jeweiligen Ensembleformation gerecht zu werden. Außerdem sind sie praktisch, weil nicht Pakete von Notenmaterialien gelagert werden müssen, sondern je nach Bedarf das jeweils Nötige ausgedruckt und verteilt werden kann. Unterrichtssequenzen auf DVDs beobachten zu können, ist für die instrumentaldidaktische Ausbildung äußerst nützlich. Was alles in der jeweiligen pädagogischen Praxis abläuft, lässt sich oft nur schwer beschreiben, und wenn man es in Schriftform versucht, dann gerät es leicht umständlich. Gerade auch im pädagogischen Handeln lernt man intensiv durch Anschauung. Eine genaue, eventuell von Lehrenden angeleitete Beobachtung von Unterrichtssequenzen und deren Besprechung führen nach meiner Erfahrung zu guten Ergebnissen.
B & H: Aufmerksam verfolgt der Verlag die Diskussionen um Erwachsenenunterricht und Konzertpädagogik. Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen ein?
Ulrich Mahlert: Klar ist, dass beide Bereiche sich in den nächsten Jahren erheblich weiterentwickeln werden. Daran führt kein Weg vorbei. Die demographische Entwicklung bewirkt eine erhebliche Zunahme der Nachfrage nach Musizierangeboten für Erwachsene und für Menschen im dritten, nachberuflichen Lebensabschnitt. Studien über den entstehenden Bedarf liegen inzwischen vor. Viele wertvolle, praxistaugliche und -erprobte Ideen für Musikvermittlung mit Senioren gibt es mittlerweile in der Elementaren Musikpädagogik, einem Fachgebiet, das sich ja längst altersübergreifend versteht. Hier werden musikalische Aktivitäten wie Hören, Singen, Spielen, Sprechen, Sich-Bewegen, Malen zur Musik u. a. als ein Ensemble von Handlungsweisen verstanden, das viele situationsbezogene Möglichkeiten des Vermittelns von Musik und des Umgehens mit ihr bietet. Die Diskussion in der Instrumentalpädagogik, was für einen auf Menschen in höheren Lebensaltern abgestimmten Unterricht erforderlich ist, steckt noch in den Anfängen. Es ist gut, dass die Fachleute von „Breitkopf PÄDAGOGIK“ hier offen sind und auf dem neuesten Stand der Diskussionen stehen.
